2002 - St. Galler Tagblatt 03. Juni

2002 - St. Galler Tagblatt 03. Juni

Montag, 03 Juni 2002
Thomas Gerber
0.0/5 Bewertung (0 Stimmen)

Auch Bagger können sich verlieben

Expo.02: Der Aargau kokettiert am Kantonstag mit den eigenen Klischees

Der Autobahn- und Durchfahrtskanton ist mit seinem Spektakel «Ausfahrt Aargau» am Samstag an der Expo.02 in Neuenburg mächtig eingefahren. Der Aargau spielte am Kantonstag witzig und selbstbewusst mit seinem Image.

Auch Bagger können sich verlieben

Expo.02: Der Aargau kokettiert am Kantonstag mit den eigenen Klischees

Der Autobahn- und Durchfahrtskanton ist mit seinem Spektakel «Ausfahrt Aargau» am Samstag an der Expo.02 in Neuenburg mächtig eingefahren. Der Aargau spielte am Kantonstag witzig und selbstbewusst mit seinem Image.

Alles ist jetzt ganz anders. Die Bagger, die gelben Maschinen mit den kräftigen Schaufeln, sind keine Ungetüme mehr. Sondern sie empfinden Gefühle. Die Bagger streiten sich, verlieben sich - und sie heiraten sogar. «Im Aargau sind zwöi Liebi», so die erste Strophe des bekannten Aargauer Volksliedes, «es Meiteli und es Büebli: die hättid enandere gärn.»

Spiel mit Vorurteil

Und so geht das auch bei den Baggern. Das Volkslied und dessen musikalischen Variationen waren am Samstag der rote Faden durch den Aargauer Tag an der Expo.02 auf der Arteplage in Neuenburg. Nicht weniger als 98 Maschinen und 150 Tonnen Material aus der Welt des Strassenbaus schleppten die Aargauer als dinghaft gewordenes Klischee des Autobahnkantons nach Neuenburg. Rund 700 Freiwillige, von Schulkindern bis zu Kantonspolizisten, führten begeistert das achtstündige Spektakel unter dem Motto «Ausfahrt Aargau - Choreographie des Alltags» auf. Der Aargau holte die Besucher der Arteplage Neuenburg (Thema: «Mythos & Gegenwart») dort ab, wo der Mittellandkanton den grössten Bekanntheitsgrad besitzt: auf der Autobahn. Die Symbole der Autobahn waren mit Polizisten, Schildern, Absperrungen allgegenwärtig. Aber der Blick, den das Material und tanzende Verkehrspolizisten, die sich wie kleine Buben an farbigen Nebelpetarden freuten, vermittelten, war ein anderer.

«Ausfahrt Aargau» wagen

«Die spielerische, selbstironische und humorvolle Auseinandersetzung mit gängigen Vorstellungen über den Aargau ist eine Einladung an die ganze Schweiz», sagte SVP-Landammann Ernst Hasler in seiner Rede. Statt auf der Autobahn vorbeizurasen, soll die übrige Schweiz bei der «Ausfahrt Aargau» mal den Blinker stellen. «Wer nie aus dem Blechgürtel ausbricht, der die Nationalstrasse A1 von Rothrist bis Spreitenbach umgibt, verpasst einiges», warb CVP-Grossratspräsident Peter Müller. Ironie ist zwar nicht unbedingt die Sache des Aargaus. Doch eines schafft der Kanton: Der Aargau kann mit seinem Image spielen und zeigen, dass er sich selbst nicht immer so ernst nehmen muss. Das Spektakel «Ausfahrt Aargau» war daher nicht nur Überzeugungsarbeit, um das Wohlwollen der übrigen Schweiz zu erringen. Der Auftritt war vor allem eine Demonstration des Selbstbewusstseins, das in den regionalisierten Kanton strahlen soll. Das ist es wohl, was der Aargau braucht: Der Kanton fühlt sich seiner Schattenlage zwischen Zürich, Bern und Basel auf Bundesebene immer mal wieder zu wenig beachtet. Der Aargau war in Neuenburg ein positiver Störfaktor. Der Input zum Spektakel mit Kosten von 1,5 Millionen Franken kam übrigens nicht aus dem Aargau selbst. Die Projektleiterin Katja Gentinetta ist hörbar eine Walliserin. Und der Regisseur des Spektakels, Tom Ryser, ist Basler. Das selbst gesteckte Ziel hat Gentinetta, promovierte Philosophin und Kulturmanagerin erreicht: «Die Leute, die künftig unseren Kanton durchfahren, sollen sich nicht mehr über Staus und Baustellen auf den Autobahn ärgern, sondern einen Bagger ansehen, ob er verliebt ist oder nicht.»

Artikel teilen

Artikel Hits

3014