2002 - NZZ am Sonntag 02. Juni

2002 - NZZ am Sonntag 02. Juni

Sonntag, 02 Juni 2002
Markus Häfliger
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Der Autobahnkanton weist den Weg zur Ausfahrt

Ihren Kantonstag an der Expo feierten
die Aargauer mit viel Selbstironie

Tausende von Aargauern haben die Arteplage Neuenburg besetzt. Mit Lust zelebrierten sie die Klischees, die ihrem belächelten Kanton anhaften.

Der Autobahnkanton weist den Weg zur Ausfahrt

Ihren Kantonstag an der Expo feierten die Aargauer mit viel Selbstironie

Tausende von Aargauern haben die Arteplage Neuenburg besetzt. Mit Lust zelebrierten sie die Klischees, die ihrem belächelten Kanton anhaften.

Expo ist, wenn über tausend Leute gebannt einer Wischmaschine beim Wischen zusehen. Seit 28 Jahren fährt Anton Rey im Städtchen Lenzburg die Maschine, doch so viele Zuschauer wie in Neuenburg hat er noch nie gehabt. Morgens um zehn dreht Rey auf der Arteplage stoisch Runde um Runde. «Soll das repräsentativ sein für den Aargau?», fragt eine ältere Aargauerin enttäuscht, die wie mehrere tausend andere speziell zu «ihrem» Kantonstag an die Expo gekommen ist.

Jawohl, die Wischmaschine ist repräsentativ. Das zumindest glauben die Männer des Kantonstags. Den Aargau kennt die Rest-Schweiz vor allem als Autobanhkanton und genau deswegen wird die Arteplage Neuenburg am Samstag in eine Grossbaustelle verwandelt. Hier wollen sie eine «Choreographie des Alltags» aufführen und so das Klischee in Selbstironie auflösen.

Acht Stunden dauert das Spektakel, und die Vorlage dazu liefert das Volkslied «Im Aargau sind zwöi Liebi». Es wirken mit: 700 Laien von der Schulklasse über die Polizeiaspiranten bis zum Jodelchor. In den Hauptrollen: Drei Bagger, welche das «Meiteli» und das «Büebli» mimen sowie den unglücklichen Nebenbuhler, der in den Krieg zieht und bei seiner Rückkehr feststellt, dass seine Liebste einen anderen hat. In der spektakulärsten Nebenrolle: die Sondereinheit Argus der Aargauer Kantonspolizei, welche in drei Helikoptern anfliegt und im Schutze von Nebelpetarden auf der Arteplage abgesetzt wird. Die Requisiten: 150 Tonnen Material sowie 98 Fahrzeuge inklusive Wischmaschine, die um 2 Uhr morgens in Richtung Neuenburg abgefahren sind. In jeder Hinsicht ist der kantonale Durchschnitt im Einsatz.

«Gerade weil der Aargau als Durchschnittskanton gilt, wollen wir zeigen, was man mit dem Durchschnitt alles machen kann», erklärt Projektleiterin Katja Gentinetta. Bewusst habe man nicht wie andere Kantone ein Festival mit Darbietungen an jeder Ecke der Arteplage organisiert, sondern alles in ein einziges Spektakel verpackt und mit Absurditäten gespickt.

Möglicherweise ist es kein Zufall, dass die Projektleiterin nicht eine Einheimische ist, sondern eine Walliserin. Jedenfalls mussten einige Mitwirkende erst überzeugt werden. «Am Anfang glaubte ich, die spinnen», meint Ueli Ledermann, der Baggerführer, der mit seinem Bagger das «Büebli» spielt. Tagelang hat Ledermann geübt, bis er mit seiner Baggerschaufel die «Baggerin» gekonnt anbaggern und mit so viel Anmut streicheln kann, dass es manche Zuschauerin fast zu Tränen rührt - vor allem, als dazu der Hochzeitsmarsch intoniert wird. Ganz einfach sei das nicht, meint Ledermann. Und Gentinetta stellt zufrieden fest, dass einige der Mitwirkenden im Laufe der Proben einen ganz neuen Berufsstolz entwickelt hätten.

Ob auch die mehreren tausend Aargauer Expo-Besucher an diesem Tag in Neuenburg ein neues kantonales Selbstbewusstsein entwickelt haben, muss offen bleiben. Bis anhin jedenfalls sieht sich dieser Kanton kaum als Einheit. In unzähligen Reden findet sich immer wieder das Schlagwort «Kanton der Regionen». So ist es kein Zufall, dass FDP-Nationalrätin Christine Egerszegi nicht einfach eine Aargauer, sondern eine Wynentaler Sonntagstracht trägt. Und ein älterer Expo-Besucher antwortet auf die Frage, ob er aus dem Aargau komme, entschieden: «Ich bin Fricktaler.»

Das Fricktal gehört zwar schon seit 200 Jahren zu Aargau, doch eine Autobahn führt hier erst seit wenigen Jahren durch. Möglich, dass es tatsächlich die Autobahnen sind, die diesen zersplitterten Kanton zusammenhalten - und mit der Zeit vielleicht noch richtig zusammenführen können. So wie es das Motto des Kantonaltages verheisst. Es lautet: «Ausfahrt Aargau».

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