2002 - Basler Zeitung 04. Juni

2002 - Basler Zeitung 04. Juni

Dienstag, 04 Juni 2002
Thomas Gerber
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Der Aargau spielte an der Expo mit Klischees

Der Autobahnkanton ist mit seinem Spektakel «Ausfahrt Aargau» am Samstag an der expo.02 in Neuenburg mächtig eingefahren: Der Aargau spielte am Kantonstag witzig und selbstbewusst mit seinem Image. Der Kanton war ein positiver Störfaktor auf der Arteplage.

Der Aargau spielte an
der Expo mit Klischees

Der Autobahnkanton ist mit seinem Spektakel «Ausfahrt Aargau» am Samstag an der expo.02 in Neuenburg mächtig eingefahren: Der Aargau spielte am Kantonstag witzig und selbstbewusst mit seinem Image. Der Kanton war ein positiver Störfaktor auf der Arteplage.

Neuenburg.

Alles ist jetzt ganz anders. Die Bagger, die grossen gelben Maschinen mit den kräftigen Schaufeln, sind keine Ungetüme mehr. Sondern sie empfinden Gefühle. Die Bagger streiten sich, verlieben sich - und sie heiraten sogar. «Im Aargau sind zwöi Liebi», so die erste Strophe des bekannten Aargauer Volksliedes, «es Meiteli und es Büebli: die hättid enandere gärn, gärn, gärn». Und so geht das auch bei den Baggern. Das Volkslied und dessen musikalische Variationen waren der rote Faden durch den Aargauer Tag an der expo.02 am Samstag auf der Arteplage in Neuenburg.

Nicht weniger als 98 Maschinen und 150 Tonnen Material aus der Welt des Strassenbaus schleppten die Aargauer als dinghaft gewordenes Klischee des Autobahnkantons nach Neuenburg. Rund 700 Freiwillige, von Schulkindern bis zu Kantonspolizisten, führten begeistert das achtstündige Spektakel unter dem Motto «Ausfahrt Aargau - Choreografie des Alltags» auf. Der Aargau holte die Besucher der Arteplage Neuenburg (Thema: "Mythos & Gegenwart") dort ab, wo der Mittellandkanton den grössten Bekanntheitsgrad besitzt: Auf der Autobahn. Die Symbole der Autobahn waren mit Polizisten, Schildern und Absperrungen allgegenwärtig. Aber der Blick auf tanzende Verkehrspolizisten, die sich wie kleine Buben an den farbigen Nebelpetarden freuten, und auf das Material war ein anderer. «Ausfahrt Aargau - Richtung Zürich gesperrt», stand auf einer riesigen Verkehrstafel. Das wirkte wie eine künstlerische Intervention mit Augenzwinkernder Aussage.

Den Blinker stellen

«Die spielerische, selbstironische und humorvolle Auseinandersetzung mit gängigen Vorstellungen über den Aargau ist eine Einladung an die ganze Schweiz», sagte SVP-Landammann Ernst Hasler in seiner Rede. Statt auf der Autobahn vorbeizurasen, soll die übrige Schweiz bei der «Ausfahrt Aargau» mal den Blinker stellen. «Wer nie aus dem Blechgürtel ausbricht, der die Nationalstrasse A1 von Rothrist bis Spreitenbach umgibt, verpasst einiges», warb CVP-Grossratspräsident Peter Müller. So winkte schon am Eingang der Arteplage ein automatischer Polizist mit dem Logo des Aargauer Tages: Ein Autobahnschild für die Ausfahrten nach «Obermumpf, Vordemwald, Bünzen». Diese Dörfer gibt's tatsächlich im Aargau, nur sie haben eines sicher nicht: Einen direkten Autobahnanschluss. Ironie ist zwar nicht unbedingt die Sache des Aargaus. Doch eines Schafft der Kanton: Der Aargau kann mit seinem Image spielen, und zeigen, dass er sich selbst nicht immer so ernst nehmen muss. Das gekonnt aufgeführte Spektakel «Ausfahrt Aargau» war daher nicht nur Überzeugungsarbeit, um das Wohlwollen der übrigen Schweiz zu ergattern. Der Auftritt war vor allem eine Demonstration des Selbstbewusstseins, das in den regionalisierten Kanton strahlen soll.

Kanton fühlt sich benachteiligt

Das ist es wohl, was der Aargau braucht. Der Kanton fühlt sich wegen seiner Schattenlage zwischen Zürich, Bern und Basel auf Bundesebene immer mal wieder zu wenig beachtet. Das letzte Beispiel: Trotzig fordern Regierung und Parlament in einer Resolution, dass Aarau Sitz des Bundesstrafgerichtes wird. Der Ständerat sprach sich für Bellinzona aus, eine Kommission des Nationalrates empfiehlt nun doch Aarau. Die Politiker im Rüebliland sehen im Strafgericht «einen gewissen Ausgleich zu den wesentlichen Lasten, die der Aargau trägt». Der Aargau war am Kantonstag in Neuenburg ein positiver Störfaktor. Niemand kam an der Präsenz des Autobahnkantons vorbei. Der Input zum Spektakel - der Kantonstag kostete 1,5 Millionen Franken - kam übrigens nicht aus dem Aargau selbst. Die Projektleiterin Katja Gentinetta ist hörbar eine Walliserin. Und der Regisseur des Spektakels, Tom Ryser, ist Basler. Das selbst gesteckte Ziel hat Gentinetta, promovierte Philosophin und Kulturmanagerin, erreicht: «Die Leute, die künftig unseren Kanton durchfahren, sollen sich nicht mehr über Staus und Baustellen auf den Autobahnen ärgern, sondern einem Bagger ansehen, ob er verliebt ist oder nicht.»

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