Infostand

am Samstag, 01 Juni 2002. in Ausfahrt Aargau

schldinfo

Redaktion: Projektteam Ausfahrt Aargau

Sicher, Katja Gentinetta, seit 1999 Projektleiterin der Expo.02 (seitens des Kt. Aargau, Anm. v. Sk!), hätte es sich einfach machen können. Die Expo.02 lässt den Kantonen mit dem vorgegebenen Themenbogen «Mythos & Gegenwart» grosse Freiheiten, um ihren jeweiligen Kantonstag zu gestalten. An spannenden Gruppen, die in diesem Spannungsfeld musizieren, Theater spielen oder tanzen, fehlt es im vielzitierten Kulturkanton nicht. 

Doch damit wäre auf den verschiedenen Bühnen der Arteplage Neuenburg nur eine Seite des Kantons sichtbar geworden. Und überdies hat die Weltausstellung in Hannover gezeigt, dass es ein geschlossenes Ganzes braucht, damit die Vielfalt des Kleinen nicht in der Vielfalt des Grossen untergeht. Katja Gentinetta entschloss sich deshalb, aufs Ganze zu gehen und von den Bühnen weg auf die Strasse.

Mythos & Gegenwart

Ja, die Mythen! Schnell ist man da im Aargau beim Wasser-, Burgen- und Energiekanton angelangt, um zu entdecken, dass diese Themen allesamt schon ausgiebig besprochen, beschrieben und bespielt wurden. Der Leitungsausschuss Expo.02, welcher das Projekt von Anfang an begleitet hat, war sich schnell einig: Die Mythen und Klischees vom gegenwärtigen Aargau liegen woanders begründet. Dank dem Blick von aussen - für die Regie wurde der Basler Tom Ryser engagiert - konkretisierte sich das Bild. Der Aargau gilt, wir ahnten es schon, als Durchfahrts- und Durchschnittskanton.
Verfolgt man die Idee vom Durchfahrtskanton weiter, so liegen Autobahnen, Baustellen, Staus und Umleitungen nahe. Damit stand fest: Der Aargauer Tag an der Expo.02 würde - mit einem Augenzwinkern - den Autobahnkanton zum Thema machen. Baumaschinen sollten darin die Hauptrolle spielen, Baulatten, Schilder und Kegel als Requisiten auf die Arteplage transferiert werden.
Doch statt einer Baustelle - und an dieser Stelle stiess der Komponist und Musiker Christoph Baumann zum Kernteam des Projekts - würde auf der Arteplage Neuenburg ein Liebesgeschichte entstehen. Das eingängige Volkslied «Im Aargöi sind zwöi Liebi» bot sich dabei als szenischer und musikalischer Aufhänger an. Nicht nur würde die Geschichte des Liedes erzählt, sondern auch der Seelenzustand der Figuren über eine Musik illustriert, die ganz aus dem Lied geschöpft wird.
Idee und Titel «Ausfahrt Aargau» waren geboren, der Begriff gekoppelt an die Autobahnausfahrt und an alles, was es dahinter zu entdecken gibt, aber auch an das Aargauervolk, das am 1. Juni ausfährt, um sich zu zeigen und gesehen zu werden.

Der Durchschnitt

Zurück zum Durchschnitt. Der viertgrösste Kanton hat kein Profil, heisst es oft. Das Zentrum fehlt, den Ostaargau ziehts nach Zürich, das Fricktal nach Basel. Die Chemie fehlt, ebenso eine Hochschule, die Oper oder das Schauspielhaus. Beste Voraussetzungen, um als durchschnittlich zu gelten, aber nicht durchschnittlicher zu sein als andere. Statt sich in der Hauptstadt zu ballen, verteilt sich das kulturelle Leben auf die Regionen, besteht ein Netz an guten Fachausbildungsinstitutionen, sind die KMU Hoffnungsträger der kantonalen Wirtschaft.
Wo finden wir diesen Durchschnitt, fragte sich das Projektteam, und vor allem, wie inszenieren wir ihn auf der Arteplage Neuenburg, sodass das Expo.02-Publikum sagt, «das hätten wir von einem 'durchschnittlichen Kanton' wie dem Aargau nicht erwartet!»? Mit einem Aufruf wandte sich das Projektteam an die Aargauer Gemeinden. Und siehe da, die Zahl derer, die bereit waren, an einem verrückten Projekt mitzumachen, war gross.
Auf einen Schnitt von 500 wurde gehofft, über 700 waren es dann, die mitmachten. Sie kommen aus Schulen, Vereinen, Verwaltung und Wirtschaft. Sie leben in den verschiedenen Regionen des Aargaus und gehören verschiedenen Generationen an. Sie alle haben seither ihre Freizeit hergegeben, in Gruppen und gruppenübergreifend geprobt. Um das Gross-Projekt dramaturgisch, logistisch und organisatorisch im Griff zu behalten, wurde das Projektteam aufgestockt.

Choreografie des Alltags

Wer jedoch erwartet hatte, dass Tom Ryser und Christoph Baumann einfach nur Rollen und Partituren verteilen würde, lag falsch. Hingegen stand fest, dass die Leute dort abgeholt werden, wo sie sind, nämlich in ihrem Aaltag. Jede Gruppe würde so auftreten, wie sie ist und mit dem, was sie am besten kann - mitsamt ihrer Musik und ihren Liedern, in Kostümen oder Arbeitskleidung, mit ihren Behinderungen und Stärken, Traditionen und beruflichen Ambitionen. Auf diesem reichen Fundus an Fachwissen und Erfahrungen baut die «Ausfahrt Aargau» auf.
Also gingen Regisseur und Komponist zunächst auf Besuch in die Schulen, in Betriebe und zu den Vereinen, schauten zu und hörten hin. Und aus der Fülle von Ideen und Begegnungen schafften sie die «Choreografie des Alltags» - eine harte Knochenarbeit, auf dem Set und am Schreibtisch!
Wie inszeniert man mit über 700 Leuten den Durchfahrtskanton? Oder anders gefragt: Wie spielt man Autobahn? - Wir schrauben ein kleines bisschen an der Wirklichkeit, indem wir Ungewohntes aufeinander prallen lassen, miteinander kombinieren und zu einem überraschenden, grossen und ganztägigen Strassentheater zusammenfügen, sagte Tom Ryser. Alles, was diese Menschen auch sonst tun, wird ein bisschen verfremdet und vom einen ins andere zu einem inhaltlichen Ganzen überführt, meinte Christoph Baumann. Und der Regierungsrat des Kantons Aargau zeigte sich dem ungewöhnlichen Projekt gegenüber glücklicherweise offen, liess dem Projektteam grosse Freiheiten bei der Entwicklung des Kantonaltages und stellte sich von Anfang an voll und ganz hinter die «Ausfahrt Aargau».
Wo lässt sich sonst noch ein bisschen an der Wirklichkeit drehen, wo lassen sich ungewohnte Begegnungen machen? Eine Antwort darauf sind auch die Kinder-Infostände und das VIP-Pedalo. Nicht Erwachsene, sondern Kinder sollen in Neuenburg Auskunft geben, weil ihre Sichtweise der Dinge oft klarer ist. Nicht Politikerreden sollen über die Köpfe der Besucherinnen und Besucher hinweg geschwungen werden, weil direkte Begegnungen bekanntlich mehr bringen als zehn Ansprachen. Den «Walk of Fame» zieren nicht die Namen von Prominenten, sondern jene der Gemeinden.
Dass das Feiern und Tanzen bei guter Musik dabei nicht zu kurz kommen darf, versteht sich von selbst. All dies zusammen ergibt die «Ausfahrt Aargau», das eine gehört nahtlos mit zum anderen Aargau.

Grosse Bilder

Entstanden sind für die «Ausfahrt Aargau» grosse, bewegte Bilder, welche die Vorstellungskraft animieren, eigentlich ein Film, dessen Soundtrack und Toneffekte live entstehen. Die Vielschichtigkeit von Perspektiven und Tonebenen ermöglichen verschiedenste Sichtweisen auf die Choreografie. Eine Liebesgeschichte, gespickt mit Autobahn-Metaphern, die über den Aargau hinausweisen. Ein inszeniertes Chaos, aus dem eine neue Ordnung entsteht. Eine tollkühne künstlerische Leistung, die von einem jungen professionellen Team mit über 700 Mitwirkenden aus dem Aargau zusammengebaut wurde.
Wir schaffen ungewöhnliche Begegnungen und werden den Baumaschinen Leben einhauchen, sagt Katja Gentinetta, sodass nach diesem Tag niemand mehr an einer Baustelle vorbeigeht, ohne sich zu fragen, ob ein Hutter-Bagger Liebeskummer hat, und bestenfalls niemand mehr am Aargau vorbeifährt, ohne einen Blick hineinzuwerfen.

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