Gleis X @ Basellandschaftliche Zeitung

1997 - BZ 8. September

Montag, 08 September 1997
Joerg Jermann
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Energiesalven, Hip-Hop Celebrations

Hip-Hop-Projekt «Gleis X» hatte Premiere im ROXY Birsfelden

Aus dem Wettbewerb «Ideen für Basel» ist als einer der Preisträger das Hip-Hop-Theaterprojekt «Gleis X» hervorgegangen. Die Premiere im Roxy Birsfelden steiss beim Publikum auf rasende Begeisterung. Zu sehen ist eine griffige Story, eine wilde Show aus Tanzeinlagen, wilder Energie, lauter Musik und ansteckender Spielfreude.

Das neuartige, erstmalige Hip-Hop-Theater erzählt die Story eines Jungen, der Graffitis malt, dem Hip-Hop über alles geht. Er setzt sich fair mit seiner Mutter auseinander, die ihn denn auch noch bis zum amtlichen Verhör begleitet. Er sollte das Bleistift spitzen und lernen, aber natürlich hat er dazu keine Lust. Dafür hat er einen schwierigen Freund, der ihn hart angeht, der ihn im Stich lässt, der wieder auf ihn baut. Und der neue Held, er heisst Samir, er kann arabisch, was der Beamte kurz mit türkisch gleichsetzt. Samir ist ein Outlaw wider Willen, seine Verfehlungen führen denn auch nicht zu Toten. Aber die Begegnung mit Gewalt ist latent und daher sehr bedrohlich, sie wird nie aufgelöst, aufgehoben.

Simple, eingängige Story

Samir kommt gleich mit beiden Seiten seiner Existenz in Konflikt. Er verkracht sich zunächst mit einer Bande von Sprayern und HipHoppern, weil er ein ungeschriebenes Gesetz durchbricht. Er übermalt ein anderes Graffiti. Er wird maltraitiert. Er entschuldigt sich, er widerruft seine gerichtlichen Aussagen, er will seinen Freund retten. Und andererseits kommt er auch mit dem Gesetz in Konflikt, mit den Behörden, denn er begeht mit seiner Spray-Kunst eine verbotene Sache, er verletzt ein bürgerliches Sauberkeits-Tabu. Klar wird zum Schluss, dass Samir sich gefunden hat, dass er herausfindet aus dem Sumpf, in dem er steckt. Weshalb und wie das aber plötzlich geht, ist etwas dünn, etwas fadenscheinig.

Begeisternde Energie

bz 970908Aber der Plot steht nicht im Zentrum. Das Ambiente der HipHopper, der Lebensstil dieser Aussenseiterkultur, sind viel wichtiger. Regisseur Tom Ryser rückt die Selbstdarstellung der Jugendlichen ganz ins Zentrum. Und er erreicht eine überdurchschnittliche Tanz- und Spielintensität, eine ansteckende Echtheit aller Beteiligten, die mit ganzer Seele dabei sind.
Autor und Produzent Skelt! gelingt eine Mischung von klarer Gestaltung und präzisem Verlauf mit dem Chaotischen und Unberechenbaren dieser Kultur. Auch wenn eigentlich ein weiteres Stück Echtheit vom Kunstbetrieb eingesogen wird. Auch wenn eigentlich eine Hip-Hop-Kultur nichts mit gefälliger und braver Bühnendarbietung zu tun hat, gelingt Skelt! ein informativer Mix, der letztlich wohl die gegenseitige Toleranz steigert.

Ungehobelte Sprache

Einen Schuss Gewalt assoziiert die Sprache, aggressiv sind auch die plötzlichen Schreiereien und die Lautstärke der Bassboxen. O-Ton «Gleis X»: «Bini guet gsi, Gäll! I bine Ma für alli Fäll, ich chumm nie zschpoot und au nit zschnäll». Daneben besteht das Vokabular aus der saftigsten Gassenmischung, mit Amerikanismen durchsetzt und einigen Stereotypien wie die immer wiederkehrende Bullenwut oder der ausgestreckte Mittelfinger.

Klassisches Schlussbouquet

Stereotyp sind auch die Körperbewegungen, die mimischen Ausdrücke, welche in einzelnen Tänzen, die für sich sprechen und eigenliche Expressivtänze sind, besonders hervortreten. Die gegewärtigen Haupteinflüsse werden aufgenommen, Fernsehen, Musikgruppen, Gruppenhabitus. Auch die Kleidung spricht für sich, von der Jacke bis zum Turnschuh, vom Müzli bis zum Shirt muss alles passen. Auffällig für den Newcomer an diesem Abend sind die Aktivitäten der Frauen in der Gruppe, die sich selbstbewusst und ziemlich herausfordernd darstellen.
Unübersehbar bleibt bei diesem Autoportrait eine Kunst-Gruppe der Hang zu Darstellung einer gewissen Seriosität, «no drugs» zuerst, dann setzt man sich auch vom Rave ab und mit dem Mammi des Helden lebt es sich ganz versöhnlich.
Und zum Schluss natürlich ein fast schon klassisches Schlussbouquet wie ein Feuerwerksknall. Schade ist bloss, dass die Texte oft kaum zu verstehehen waren. Ungeübte Mikrophonhaltung, überdrehter Bass und unklare Aussprache störten mich manchmal sehr, immerhin hat es ein sehr hilfreiches Programm, das über die intellektuellen Zusammenhänge und Anliegen der HipHopper über das einschlägige Vokabular und die Rhymes bestens informiert.

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