Gleis X @ Basler Zeitung

1997 - Basler Zeitung 5. September

Freitag, 05 September 1997
Christian Platz
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«Gleis X»: Die Basler Hip-Hop-Szene spielt jetzt Theater

Die Hip-Hop-Leute machen Theater. Heute abend hat das Stück «Gleis X» im Roxy Birsfelden Premiere. Wochenlang haben Hip-Hopperinnen und Hip-Hopper zusammen mit dem Regisseur und Theatermann Tom Ryser an diesem Stück geprobt, das einerseits vieles aus der realen Geschichte der Basler Hip-Hop-Welt erzählt, andererseits das Lebensgefühl dieser Welt ungefiltert auf die Bühne bringt. Autor des Stückes ist der Rapper «Skelt!».
Hip-Hop-Szene spielt Theater

Hip-Hop-Leute wollen Theater machen. Heute Freitagabend feiert das Stück «Gleis X» im Roxy in Birsfelden Premiere. Roxy Birsfelden an einem Mittwochabend - draussen regnets, drinnen wird geprobt: Die kleine Zuschauertribüne ist fast leer, über den Lehnen der vordersten Bänke hängen massenweise Jacken. Viele Davon haben ein schneidig-sportliches Design. Im Saal herrscht absolute Ruhe.

Vier Gestalten schleichen durch die Seitengänge Richtung Bühne. Da unterbricht eine mächtige Stimme die Stille: «Stop. So geht das nicht. Die Leute müssen sich fragen: Was wollen diese Typen hier? Wollen die das Roxy anzünden?» Die vier jungen Typen mit den Kapuzenjäckchen gehen in ihre Anfangspositionen zurück, diszipliniert, ohne zu murren. Sie sind keine Profi-Schauspieler. baz 970905 2Sie stammen aus der Basler Hip-Hop-Szene, kreative Underground-Typen, die meist kein Blatt vor den Mund nehmen, die sich sonst garantiert nicht gern herumkommandieren lassen. Heute schon. Denn sie haben ein Ziel. Basler Hip-Hop-Leute spielen Theater. Das Stück hat einer von ihnen geschrieben. Der Regisseur, der auf der Probe - wie sich das auch gehört - absolute Macht hat, wurde von der Hip-Hop-Crew angstellt. Ein Novum. Früher pflegte es oft genau umgekehrt zu sein: Das Theater holte sich die Kids, etwa in der AJZ-Zeit Anfang der achtziger Jahre, und machte etwas mit ihnen - nun haben sich die Underground-Kids das Theater geholt, mit allen Konsequenzen. Der Rapper und Hip-Hop-Mensch Tarek sagt dazu: «Wir spielen uns keineswegs selber. Normalerweise, wenn ich meine Texte rappe, so tue ich dies als Tarek. Wenn ich im Stück rappe, spreche ich für meine Rolle. Das ist schon ein gewaltiger Unterschied.»

Vom Wettbewerb zur Bühne

Der Autor und Produzent der Hip-Hop-Theaterproduktion ist vielen bekannt unter dem Namen «Skelt!». Als Rapper, der bei der national bekannten Band «P-27» und der heissen Basler Kiste «Skeltigeron» seine Reime ins Mikrophon wuchtet. Sein Stück heisst «Gleis X», und ist unter einem glücklichen Stern entstanden. Es hat nämlich gewonnen: «Gleis X» ist eines der Projekte, die beim Wettbewerb «Ideen für Basel» der Basler Kantonalbank die grossen Lose gezogen haben. Für den Wettbewerb hiess das Projekt noch «Basel's Hip Hop History».

Die Absicht des Autors war es, die Geschichte der Basler Hip-Hop-Szene seit 1983 auf die Bühne zu bringen; an eigenen Erfahrungen und den Erfahrungen von Freunden, Kollegen, Mitstreitern orientiert. «Skelt!» unternahm seinen Vorstoss Richtung Theater nicht alleine. Seine Szene stand voll hinter ihm: Die Basler Hip-Hop-Gewerkschaft «BEE 4 REAL», die das Sommercasino als Basis hat, ist mit ihrem ganzen kreativen Potential bei «Gleis X» dynamisch mit von der Partie. Der Wettbewerbsgewinn schüttete den Hip-Hoppern 78 100 Franken in die Theaterkasse, die Kulturabteilungen der Kantone BS und BL rundeten das Budget auf 100 000 Franken auf - für die ganze Produktion. Das ist eigentlich nicht sehr viel, die Crew arbeitet aus Liebe zur Sache, die Gagen sind doch sehr gering.

«Theatertaugliches Stück»

baz 970905 3Was die jungen Leute aus der Hip-Hop-Welt nun noch brauchten, war ein Theatertier, einen Regisseur, der das Stück in den Griff bekommen könnte. Skelt! schaute sich auf der Theaterszene um, und wieder hatte der Rapmann Glück: Er fand Tom Ryser, einen Mann, der als Schauspieler und als Regisseur zehn Jahre Erfahrung mitbringt. Ryser stieg voll ins Projekt ein. Der erste Schritt war es, das Stück theatertauglich zu machen, eine Dramaturgie zu erstellen, die funktioniert. Ursprünglich (Anmerkung des Webmasters: Weit VOR der Eingabe des Projekts) erzählte der Text die Basler Hip-Hop-Story chronologisch, mit sehr vielen Szenen. Ryser und Skelt! schliffen die Sache tüchtig zurecht (Anmerkung des Webmasters: Wichtige Schlüsselfigur während dieses Prozesses war die Theaterdramaturgin Anne Schöfer).

«Gleis X» ist nun ein dynamisches Ensemblestück geworden, ohne viel Beiwerk, ohne viel Kulissen, Theater pur. Leute aus der Hip-Hop-Szene sind zu einer starken Crew verschmolzen, welche die Realität des Hip-Hop-Lebens, eines Lebensgefühls also, mit Schwung auf die Bretter bringen kann. Viele der Mitwirkenden verfügen über einige Bühnenerfahrung als Rapper, Breakdancer oder DJs, doch nun wollen sie Theater spielen, da ist Knochenarbeit angesagt. Solche wurde in den letzten Wochen dann auch zur Genüge geleistet. Viele der Akteurinnen und Akteure arbeiten den ganzen Tag, gehen in die Schule, machen eine Lehre. Dazu dann jeden Abend volle Power proben, eine herkulische Leistung. Jetzt steht das Stück auf starken, flinken, durchtrainierten Beinen; heute abend ist Premiere.

Bekannte Rapper mit dabei

Einige bekannte Basler Rapgesichter sind im Ensemble vertreten, etwa «Black Tiger», «Dr. Kalmoo», «Rony», «Tarek», «Skelt!» - auch bekannte Breakdance-Künstler und Graffiti-Macher sind dabei. Die prominenten Rapper fügen sich aber nahtlos ins Ensemble ein, auf der Besetzungsliste sind sie nicht mit ihren Pseudonymen vertreten, sondern mit ihren bürgerlichen Namen. Auch spielt sich in «Gleis X» eben keiner selbst. «Black Tiger» bespielsweise, sonst ein netter, artikulierter Zeitgenosse, wird zu einem ganz harten Jungen, der die Fäuste locker sitzen hat. Ryser machte aus seiner talentierten Underground-Besetzung eine echte Theatermannschaft. Klar das hat Blut, Schweiss und Tränen gekostet; aber jetzt läuft's.

Natürlich kommt in «Gleis X» viel Musik und viel Tanz vor, auch das Graffitisprayen wird live praktiziert. Die Kostüme wurden von den Hip-Hop-Leuten selber gestellt, die Kleider reflektieren 15 Jahre Hip-Hop-Geschichte, wechselhafte Hip-Hop-Mode im Wandel der Zeit. Hauptperson des Stückes ist der junge Basler Samir (Tarek Abu Hageb), Ausländer der zweiten Generation, Hip-Hop-Fan. Es geht um Verstrickungen und Verwicklungen mit der Polizei mit Eltern, auch kommt Samir mit den ungeschriebenen Gesetzen der Hip-Hop-Welt in Konflikt... Wir wollen hier nicht zuviel verraten, auf jeden Fall bietet das Stück eine Tour d'horizon durch die Welt des Basler Hip-Hop wie sie leibt und lebt. Alle Dialoge sind Baseldeutsch gesprochen, die Sprachebene ist jugendlich, rauh, frech, echt. Die Hip-Hop-Leute haben etwas Neues angeschnitten, haben den Schritt ins Theater gewagt, sie haben dafür geschuftet, sie haben dabei sehr viel gelernt. Wir spucken ihnen über die Schulter: Toi, toi, toi!

Die wunderbare, vielfältige Welt der Hip-Hop-Kultur

Seit etwas mehr als 15 Jahren gibt es in Basel eine eigentliche Hip-Hop-Szene. Hip-Hop entstand Ende der Seventies, Anfang der Eighties in den USA. Die Verwandten und Vorläufer dieses schwarzen Musikstiles hiessen Blues, Funk, Soul, Pop und Rock. Hip-Hop wurde hierzulande am Anfang nur Rap genannt. Der Rap ist auch ein wichtiger Teil der Hip-Hop-Kultur. Rap ist Sprechgesang, der sich meistens reimt, es gibt auch echtes Rapping in freier, ungereimter Form.
Das rhythmische und groovige Sprechen über Funkrhythmen hat viele Vorläufer, die frühesten sind wohl die Beatniks der fünfziger Jahre, die zu Jazz Lyrik vortrugen. Im alten Blues gibt es den «Talking Blues», der mit coolem Sprechgesang operiert. Es gab Rockmusiker - Frank Zappa zum Beispiel -, die schon in den Seventies tüchtig gerappt haben.
Als Rap damals nach Basel kam, dachten viele, man hätte es mit einem vergänglichen Trend zu tun. Diese Annahme erwies sich als völlig falsch. Rap wurde immer grösser, fand weltweit immer mehr Anklang. Auch wurde Rap musikalisch und textlich geschliffener, vielfältiger.
Ein Klischee, welches der Hip-Hop-Kultur gerne angelastet wurde, ist, dass Rap-Musik a priori gewalttätige Inhalte habe und Rap-Fans gewalttätige Menschen seien. Gerade in Basel wurden Rap und Hip-Hop während vieler Jahre oberflächlich mit Jugendgewalt assoziiert. Auch diese Einschätzung ist falsch. Rap ist eine laute, freche, elektrische Kultur, wie Rock. Wie beim Rock gibt es auch im Rap-Kosmos gewalttätige Planeten und Satelliten; doch die Hip-Hop-Kultur per se ist eine kreative, powervolle, vielfältige Sache. Es gibt unter dem Hip-Hop-Dach Dinge wie den harten «Gangsta Rap» aus den US-Ghettos, es gibt aber auch Rapper, die fast so «love and peace»-orientiert sind wie Hippies.
In Basel fiel die Hip-Hop-Kultur von Anfang an auf fruchtbaren Boden. Schon bald wurde die Basler Hip-Hop-Szene eine der wichtigsten, lebendigsten im Land. Hip-Hop ist eigentlich ein grosses Dach, unter dem vier Disziplinen wohnen: Rap, DJing, Graffiti und Breakdance. Die Rapper sind die Stimmen der Hip-Hop-Kultur, sie verarbeiten Themen, welche sie beschäftigen, zu Texten. Die Form des groovenden Sprechgesangs erlaubt es den Rappern mit vielen Sätzen, vielen Worten an ein Thema ranzugehen, dies erzeugt oft Tiefenschärfe. Rap-Texte sind nicht brav, hier wird kein Blatt vor den Mund genommen, diese Lyrics sind oft ironisch und bitterböse. Die Rapper schonen in ihren Texten niemanden, auch nicht sich selbst und die eigene Szene.
Eine besonders interessante Form des Raps nennt sich «Freestyle», dabei werden Reime improvisiert: Eine schwierige Disziplin. Die DJs machen beim Hip-Hop die Musik. Sie legen nicht einfach Platten auf, sondern erzeugen aus schon vorhandenem Tonmaterioal neue Kompositionen.
Ein DJ muss nicht nur seine Plattenspieler im Griff haben, sondern auch Effektgeräte, Sampler - und was es an Musiktechnologie heute alles so gibt. Rap-Stücke bestehen aus einem durchgehenden Rhythmus, einem sogenannten Beat - und meistens einem satten Bassgroove dazu. Darüber laufen allerlei musikalische Zitate - von Klassik bis Techno -, auch Geräusche und Soundeffekte aller Art. Graffitikünstler sind die Bildlieferanten der Hip-Hop-Kultur. Auch sie nehmen ihre Einflüsse von überall her, aus Comics, aus der bildenden Kunst, aus Ethno-Motiven, aus der Werbung. Diese Einflüsse werden zu neuen Bildern verarbeitet, die Verwendung von Schrift ist dabei besonders signifikant. Gute Graffiti-Macher sind coole zeitgenössische Künstler. Breakdance heissen die wahnwitzigen Tänze der Hip-Hop-Leute. Breakdancer sind Artisten, ihre halsbrecherischen Verrenkungen und Stunts nennen sie «Moves». Auch beim Breakdance geht es - wie eigentlich bei allen Disziplinen der Hip-Hop-Welt - vor allem darum, einen eigenen Stil zu entwickeln.
In Basel gibt es auf allen vier Hip-Hop-Strassen sehr gute Künstlerinnen und Künstler, einige sind auch gleich in mehreren Disziplinen tätig. Besonders bemerkenswert sind die Basler Rapper mit ihren Dialekttexten. Sie kopieren schon lange keine US-Vorbilder mehr, sondern erzählen von ihrer eigenen Welt, ihren Problemen und Freuden. Die Hip-Hop-Leute sind, ganz im Gegensatz zu Rockleuten oder Hippies, ein sehr sportlicher Haufen, sie können auf den Fingern stehend tanzen und ähnliche Sachen. Hip-Hop-Leute sind ehrliche, kritische, stolze Menschen mit denen man reden kann. Wenn man sie ärgert oder beleidigt, gibt es allerdings meistens eine verbale Retourkutsche, die sich gewaschen hat.

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