| Basler Zeitung v. 31. März 2000 |
«Outlander - Fremdgehen mit Kleist» im Foyer der Grossen Bühne des Theaters Basel
Die werktreuste Kleist-Inszenierung seit 1804
«Fremdgehen mit Kleist» soll das gewesen sein? Warum denn? Das war eingehen auf das, was ein Text heute noch sagen kann. Das war Weiterführen des Theaters zurück an seine genuinen Wurzeln - Theater für Kopf, Leib und Seele.
Von David Wohnlich
«Greift nur hinein ins volle Menschenleben» - einer der Ratschläge im Faust-Prolog, wie Theater zu machen sei, ein guter Ratschlag. Nur - wenn man ihn heute befolgen möchte, steht man vor der Frage, was das denn sei: ein Menschenleben. Es gibt keine ungebrochenen Biografien mehr. Kaum mehr regionale Verwurzelungen. Keinen allgemeingültigen Kunstbegriff. Nichts?
Oh doch, etwas gibt es: Die unbändige, anarchische Lust auf Kunst, auf Musik, auf Theater und Tanz, auf Texte, sogar auf Botschaften und auf Kommunikation. Gerade die Vielfalt der kulturellen und künstlerischen Möglichkeiten lässt jedes Beharren auf ein allgemeingültiges kulturelles Universal zutiefst dünkelhaft erscheinen. «Gendertainment» machts vor.
Die Vorurteile
«Gendertainment» ist eine Gruppe von jüngeren Leuten, Frauen und Männern. Da ist der
Sänger und Musiker Skelt! dabei, die Dramaturgin Eva Watson und der Regisseur Tom Ryser.
Wen müsste man da nicht sonst noch nennen: Lesen Sie bitte den Besetzungszettel, so viele
tragen da das Ihre zum Gelingen bei, die akrobatischen Tänzer von «Cîrqu'enflex» etwa,
so «flex» wie die raffinierte Tuchwand, die die Bühnenrückseite bildet und auf der
sie, an Seilen angemacht, tanzen, dass es einem den Atem raubt. Dann gleich zwei Gertrudes
(einmal warens sogar vier), eine Agnes - lasse wir die Namen, es ist die Gruppe
«Gendertainment».
Und was tun sie nun genau? Sie nehmen einen Text von Kleist - ironischerweise ein Stück, das Kleist zunächst in Frankreich, dann in Spanien, dann in Deutschland angesiedelt hat: «Die Familie Schroffenstein». Sie nehmen den Text und drehen ihn durch den Hirn- und Körperwolf ihrer Musik, ihrer Körpersprache, ihrer Rede, ihrer Bilder.
Viele Mitwirkende sind «Outlanders», und manchmal sprechen sie auch ausländisch, nur das Wort «Missverständnis» ist immer deutsch. Dieses Missverständnis, das letztlich Vorurteile gegen Bevölkerungsgruppen generiert und an Morden und Vergewaltigungen, an Kriegen, selbst an Hungersnöten schuld ist. «Wenn ihr euch totschlagt, ist es ein Versehen» - von diesem Schlüsselsatz in Kleists Drama handelt der Abend, diesen Sachverhalt benennt er - auf Türkisch, auf Serbisch, auf Deutsch, auf Körper, auf Tanz. Bild auf Bild, Szene auf Szene.
Die Körpersprache
«Gendertainment» macht Lust auf Erfindung, auf Aufbrechen der Form. Bungie-Jumping wird
zur Folter. Chorisch ausgeführte Gebärden relativieren die gängige Körpersprache auf
dem Theater, Verfremdungen durch Echos oder chorisches Sprechen das Bühnendeutsch. Das
Stottern spielt auf Kleist an, der ein Stotterer gewesen sein soll, weist aber auch auf
den Widerspruch zwischen geschliffener Schreib- und unbeholfener Umgangssprache hin.
Sicher, Kleist hätte seine Freude an «Outlander» gehabt. Das Ensemble hat das Stück ganz genau verstanden und streng genommen - auch genau gespielt. Natürlich konne Kleist nicht Kurdisch, natürlich wusse er noch nichts von den so genannten Bürgerkriegen des 20. Jahrhunderts. Dennoch hatte er bereits etwas dazu zu sagen - und das hat «Gendertainment» in dieser in jeder Beziehung aussergewöhnlichen Produktion aufgenommen, verstärkt, ergänzt. Hingehen. Erleben.
Das Publikum an der Premiere war jung und jedenfalls hell begeistert; das Foyer des Theaters Basel war bis auf den letzten Stuhl besetzt.
| Basellandschaftliche Zeitung v. 31. März 2000 |
Zurück zu Urgefühl und Kraft
THEATER BASEL / «Outlander» feierte eine umjubelte Premiere im Foyer Grosse Bühne. Die multikulturelle Truppe «Gendertainment» legt sich mächtig ins Zeug. Grundlage ist Kleists «Familie Schroffenstein».
Von Joerg Jermann
BASEL. «Gendertainment» als Name ist ein Wortspiel, auch die jetzige Produktion im Grossen Haus des Theaters Basel kann es nicht lassen, das Spektakel nennt sich «Outlander», was zum Beispiel den Freelander und den Highlander suggerieren kann und die Sehnsucht nach Ausbruch und Freiheit - oder schlicht auch so etwas fast abschätzig Klingendes wie den «Ausländer». Und im Untertitel kommt die Surprise, das «Fremdgehen mit Kleist». Damit sind einige Stichworte dieser sprühenden Aufführung gesetzt.
Kleist, oh Heinrich,
prächtige Matte
Da sind einige junge Leute, meist Ausländer der zweiten Generation, die kommen vom Rap
her, von Musikstilen, die sich zunehmend vermischen, sie nehmen artistische Elemente von
Cîrqu'enflex auf und verbinden sich homogen damit. Das Theater Basel leistet praktische
Schützenhilfe und einige Organisationen im Hintergrund finanzieren das Projekt.
Der ganzen Produktion zugrunde liegt Heinrich von Kleists alter Dramen-Schinken über die
Familie Schroffenstein: eine Stammesfehde, eine Tragik um die Eskalation von Gewalt, um
die Blindheit von Raserei und die Versuche, mit Liebe und Liebespaaren das Verhängnis
aufzuhalten. Dies in einer vertrackten und schwer geformten Verssprache. Auf dieser
Kleistschen Matte zünden die Musiker und Tänzer hemmungslos eigenwillig ein gut 70
Minuten dauerndes Feuerwerk aus wilder Bewegung, extatischen Lauten und ausladender
Körpergestik.
Wutgeheul, Kriegstanz,
stampfende Rhythmen
Da wird eine Chance genutzt: Die Darsteller kommen tatsächlich zur Sprache, sie
verleugnen ihre chinesische, arabische, kurdische, französische, serbokroatische oder
italienische Herkunft nicht, lassen sie einfliessen in das Klassikermass, können Inhalte
weitergeben, obwohl sie in ihre für die Zuschauer unverstandene Sprache zurückkehren.
Insgesamt gebärdet sich «Outlander» wie ein lustvoller Stern in alle Richtungen. Obwohl
im eigentlichen schauspielerische Teil auch etwas amateurhaftes nicht zu verbergen ist. Es
ist eine Art Neuentdeckung von archaischen Urzuständen. Die Freude an Bewegung und an
heftigem Rhythmus dominiert alle anderen Inhalte.
Kleistsche Szenen sind wie Stichwortlieferanten zu einem Reigen hingebungsvoller Exploits
der Truppe. Man wird erinnert an ursprüngliche Volkstanz-Rituale, an märchenhaft
heldische Kämpfer in grossartigen Posen, an engagierte, wilde Frauen mit Freude an
tierisch-sinnhaftem, raubkatzenhaftem und erotischem Kampf mit diesen Männern und gegen
sie.
Ein Schuss Zirkus
und Bühneartistik
Links und rechts der grossen, die unten ins Foyer gesetzt ist, ziehen sich Baugerüste,
eigentliche Turngestänge hoch mit mehreren Etagen, selbst unter der Bühne kann man
durchkriechen. Da jagen sich die Figuren hinauf, sie hangeln und räckeln sich von ober
her, provozieren die Gegenseite mit rauschhaften Reizen. Die Hinterwand der Bühne ist ein
weisses Tuch mit der Aufschrift IN und OUT, das Polare ist auch mit den schwarzroten
Kostümen unterstrichen. Vor dieser Wand schlingern und kämpfen immer wieder an Seilen
hängende Figuren, die so dem Zuschauer eine spektakuläre Aufsicht auf einen anderen
Spielort gewähren. Wild zuckt der Blitz und es kracht und donnert da auch aus den
Lautsprechern und den Mikrophonen, als wie bei Kleist es uns die Rede reichlich zeigt. Die
sprachlichen Nachteile und die teilweise mangelnde Verständlichkeit der Darsteller
spielen da keine Rolle mehr.
Die multikulturellen Aspekte, die gezeigt werden, die übergreifende Freude an der
Durchdringung von Tanz, Artistik, Schauspiel und opernartigem Gestus und Pathos sind
beispielhaft. «Outlander» wird und soll und kann viele junge Leute ins Theater bringen
und einiges von dessen Urfaszination vermitteln.
Ganz in Bann ziehen Szenen der Anziehung und Abwehr zwischen den einzelnen Menschenpaaren
und den politischen Kontrahenten. Gekonnte Textverfremdungen und einzelne ironische
Anklänge zur Sprache und zu sich selbst machen den Auftritt der Figuren äusserst
sympathisch, auch wenn sie sich noch so martialisch gebärden. Es agieren speziell
eindrücklich Skelt!, Ziska Schläpfer, Tarek Abu Hageb, Marcel Bachmann und Mookie,
Serdar Weitzmann und Rula Badeen.
| Badische Zeitung v. 31. März 2000 |
Tanz mir den Kleist
«Outlander» im Foyer des Basler Theaters
Von Heinrich von Kleist ist überliefert, dass er beim Vorlesen seiner Tragödie «Die Familie Schroffenstein» ins Lachen geriet, bis ihm die Tränen kamen. Wir wissen nicht, was den ansonsten eher zur Schwermut neigenden Dicher so erheitert hat. Kleist scheint jedenfalls jedenfalls der erste gewesen zu sein, der das komische Potential seines dramatischen Erstlings um zwei blutsverwandte, durch einen fatalen Erbvertrag verfeindete Familien erkannt hat. Auch in Basel, wo die freie Gruppe Gendertainment im Foyer des Theaters ihre Sicht auf das Stück erstmals präsentierte, gab es gelegentlich Grund zum Lachen.
Nicht dass «Outlander» - so haben der Regisseur Tom Ryser, die Dramaturgin Eva Watson und der musikalische Leiter «Skelt!» ihr «Fremdgehen mit Kleist» benannt - parodistische Absichten hegte. Die von Gabriele Kortmann geschlechtsunspezifisch in Folklore-Fantasy-Kostüme gesteckte Multi-Kulti-Truppe um das Trio nimmt den Krimiähnlichen Plot, der in einen tragisch-banalen Doppelmord mündet («Wenn ihr euch totschlagt, ist es ein Versehen»), durchaus ernst. Sie setzt ihn nur mit ihren Mitteln um - und so geraten die Häuser Rossitz und Warwand zwischen Rap, Break Dance und Ethnopop in einen Rhythmus, bei dem jeder mit muss. Tanz mir den Kleist: indem sie den «Schroffensteinern» choreographisch (Bea Nichele Wiggli) zu Leibe rücken, haben Gendertainment zumindest eins begriffen: Kleist inszeniert den Körper, nicht die Seele, von der sich für ihn nichts sagen lässt.
Deshalb wirken vor allem die Szenen der Konfrontation, des Krieges zwischen den Stämmen, die sich gegenseitig die Äste absägen, als Ballett der Gewalt überaus schlüssig. Hier tun sich konventionelle Regieansätze in der Regel schwer.
Wie sich das Netz der Bedrohung um den Vermittler Jeronimo (sehr engagiert: Sanja Ristic) im rhythmischen Stampfen der Rupert-Leute immer enger zusammenzieht (und es sind die von Sylvester auch dabei, weil es in diesem Streit keine Guten gibt und keine Bösen): Da wird die Macht des Kollektivs physisch bedrängbar spürbar. Körpertheater pur in seiner artistischen Variante ist geboten, wenn Spieler an (Bungee-)Seilen über die weisse transparente Wand schwingen, die den seitlich von Gerüsten begrenzten Quader der Bühne (Bea und Fabian Nichele Wiggli) nach hinten abschliesst.
Und die Sprache, Kleists kataraktisch (Anm. des Webmasters: Katarakt gr.-lat., Stromschnelle, Wasserfall) gestauter Redefluss? Man kann, wie Urs Baurs Johann zeigt, einen Rap draus machen. Man kann auch noch anders mit ihr spielen, wenn die Schauspieler, alle Ausländer der zweiten oder dritten Generation, jäh in ihre Muttersprachen fallen - besonders sinnfällig, als Ottokar und Agnes, diese Nachkommen von Romeo und Julia, ihrer Liebe gewahr werden und die Missverständnisse zeugende Sprache der Eltern hinter sich lassen. Man erstaunt, wie mühelos diese Inszenierung immer wieder zu Kleists «Originaltext» zurückfindet. Es liegt wohl daran, dass sie ihn eher vom Rhythmus als von der Bedeutsamkeit begreift.
Da nimmt es andererseits nicht wunder, dass sich der Grund des Dramas eher verschliesst und die Handlung nur mühsam nachzuvollziehen ist. Die Wurzel allen Übels liegt ja gerade nicht in der Bestialität des Menschen, was die Inszenierung mit ihren leitmotivisch eingesetzten drei Raubkatzen zumindest suggeriert. Sondern in der juristischen Konstruktion des Erbvertrags, der Kleist in die Nähe Rousseaus rückt. Ihr besonderes Augenmerk legt die Inszenierung dagegen auf das Spiel mit den genealogischen und den Geschlechtsdifferenzen. Sie durchkreuzt sie und hebt sie manchmal auf. Auch wenn das - wie der Name sagt - Programm von Gendertainment ist: Mit dem Kleidertausch der Geliebten gibt Kleists Stück auch dafür etwas her. Es ist schlicht klug gewählt. Was in Basel auf eine mitreissend lebendige Art geschieht, ist tatsächlich ein Fremdgehen mit Kleist, nicht gegen ihn.
Bettina Schulte
| Toaster v. Mai 2000 |
Eine blutige Familienfehde, ein rasender «Theatertanzakrobatikrap» ist momentan im Theater Basel zu sehen. «Outlander» zeigt frei nach Kleists «Familie Schroffenstein» die fatalen Konsequenzen von Missverständnissen. Von Sara Baumann (Text) und Sebastian Hoppe (Bild)
Eine temperamentvolle Horde stampft über die grosse, gänzlich leere
Bühne (Bühnenbild: Bea & Fabian Nichele Wiggli). Mit ihren rot karierten Hosen und
Röcken, den glitzernden Oberteilen, den Tatoos auf den nackten, muskulösen Oberarmen,
den schwarzen Tüchern, die sie eng um den Kopf gebunden haben (Kostüme Gabriele
Kortmann) und den grimmigen Gesichtern erinnern sie eher an eine Räuberbande als an die
Ritter und Grafen aus Kleists Drama «Die Familie Schroffenstein».
Eine Stimme aus dem Off erklärt, worum es geht: Die beiden durch einen Erbvertrag und
Missverständnisse zerstrittenen Familien von Rossitz und von Warwand bekämpfen sich bis
aufs Blut. Da die gewaltige, metaphernreiche Sprache Kleists in ihrer Komplexität nur
schwer verständlich ist, wiederholt die Stimme aus dem Off die Ausgangslage nochmals klar
und deutlich.
Die Truppe Gendertainment entnimmt dem Stück das Handlungsgerüst, die wichtigsten Sätze
und Szenen und arbeitet vor allem mit Tanz, Mimik und Akrobatik (Musik: Skelt!,
Choreographie: Bea Nichele Wiggli). Als beispielsweise Ottokar (Tarek Abu Hageb) und
Johann (Urs Baur), zwei Brüder, einander von dem Mädchen ihrer Träume, Agnes (Rula
Badeen) - das natürlich zum verfeindeten Familienstamm gehört -, erzählen, stottern sie
die Verse vor innerer Erregung. Rhythmischer wirds beim Rap des Johann; die wundervolle
Begegnung mit der engelsgleichen Schönheit kriegt Tempo.
Stimmenvielfalt
Das Spiel mit den Sprachen ist Programm. Die SchauspielerInnen, zu einem grossen Teil ImmigrantInnen zweiter oder dritter Generation, sprechen teilweise in ihren Muttersprachen. Ihre perfekte Mehrsprachigkeit birgt viel Potential, aber auch viel Verwirrung. Kleists sprachkritischer Ansatz, dass wir uns trotz Regeln und Grammatik nur bedingt oder auch gar nicht verstehen können, ist mit der tatsächlichen fremdsprachlichen Vielstimmigkeit in dieser Inszenierung elegant gelöst. Für die Verständigung hingegen braucht es nicht unbedingt die gleiche Sprache: Das Liebespaar Ottokar und Agnes versteht sich auch ohne gemeinsame Muttersprache und jenseits von allen Konventionen, wenn es sein Liebesgeflüster in einer Waldidylle beginnt.
Animalische Triebe
Ein kleistscher Schachzug der Regie ist ebenfalls die «tierische» Darstellung der Emotionen und Triebe der Figuren. Zu Recht vergleicht der grimmige Ruprecht (Skelt! - Anmerkung des Webmasters: Rupert), Vater aus dem Hause Rossitz, «Vertrauen, Unschuld, Treue, Liebe, Religion» mit den «Tieren, welche reden». Regisseur Tom Ryser lässt keinen Zweifel am Animalischen des menschlichen Antriebs: Drei braungelbe katzenartige Raubtiere (Fabian Nichele Wiggli, Simone Kaiser, Catherine Rutishauser) turnen in wilden Bewegungen auf der Bühne herum, knurren oder schmiegen sich aneinander, mischen sich in wilde Kämpfe und attackieren sich zähnefletschend. Sie klettern misstrauisch aufs Baugerüst oder benutzen, an einem Gummiseil hängend, die Leinwand hinter der Bühne als senkrechtes Trampolin.
Blutige Ur-Horde
Verlorene, wilde Gestalten versuchen sich in einem Meer von Misstrauen und
Verfolgungswahn an sogenannt objektiven Tatsachen und festen Wahrheiten festzuhalten - die
natürlich allesamt falsch sind und nur eine Funktion ausüben: die Figuren in den
Wahnsinn und in den Tod zu treiben, denn der Erbvertrag - die beiden Familien
repräsentieren für Kleist eine tiefe, ursprüngliche, menschliche Zerrissenheit -
basiert auf Gewalt und falschen Verdächtigungen.
Die einzelnen Figuren, die sich ausserhalb dieser blutrünstigen Ur-Horde verständigen
können, werden dem Hass der eigenen Familien gnadenlos geopfert. Und die Einsicht, dass
Hass blind macht und immer falsch ist, kommt für beide Familien zu spät. Für das
Publikum hat sich das Fremdgehen mit Kleist indessen gelohnt.
| ProZ Programmzeitung Basel v. April 2000 |
«Outlander» im Theater
Tanz der Vielzungen
Ein Stück von Kleist bildet den Ausgangspunkt
für Tom Rysers vielsprachiges,
akrobatisches Rap-Tanz-Theater «Outlander»
Der Schauspieler und Regisseur Tom Ryser glaubt nicht an die alttestamentarische Überlieferung vom gescheiterten Turmbau zu Babel: «Die Leute hätten sich trotz des Sprachenwirrwarrs verstanden. Doch die Geistlichkeit späterer Jahrhunderte wollte die Geschichte anders erzählt haben.» Ryser ist überzeugt, dass die Sprache kein Hindernis für eine elementare Verständigung ist. So beginnt sein Projekt «Outlander - Fremdgehen mit Kleist» im Foyer des Theaters Basel auf chinesisch. Andere Fremdsprachen werden dazukommen, doch das Publikum wird immer verstehen, worum es geht.
«Outlander...» ist eine Zusammenarbeit der Gruppe Gendertainment, zu der Ryser, die Dramaturgin Eva Watson und der Musiker Skelt! gehören, mit dem Circustheater Cîrqu'enflex und dem Theater Basel. Ausgangspunkt des Stücks ist Heinrich von Kleists Ritterdrama «Die Familie Schroffenstein». Die düstere Ballade von den beiden Zweigen der Sippe derer von Schroffenstein, die sich in blinder Wut gegenseitig ausrotten, wurde wegen ihrer offensichtlichen Nähe zur Trivialliteratur und ihrer gelegentlichen unfreiwilligen Komik lange als peinliche Jugendsünde eines Genies behandelt. Doch in den letzten Jahrzehnten haben sich immer wieder Regieführende für das ungebärdige Stück interessiert, das exemplarisch die Mechanismen und die Absurdität von Hass und Vorurteil darstellt. Ryser sieht darin die Fremdenfeindlichkeit und ihre Folgen gespiegelt. Er hat daher viele Rollen mit jungen AusländerInnen der zweiten oder dritten Generation besetzt.
Leben in zwei Welten
Der Begriff «Outlander» könnte, meint Ryser, zur Bezeichnung für diese Menschengruppe
werden: Sie sind keine echten AusländerInnen, aber auch keine InländerInnen. Sie sind
längst nicht mehr Müllmänner oder Putzfrauen, sondern nehmen zum Teil wichtige
gesellschaftliche Positionen ein. «Sie können oft besser als wir mit der Sprache
umgehen, weil diese für sie nie selbstverständlich gewesen ist. Ihr grosser Vorteil ist,
dass sie in zwei Kulturen gleichzeitig leben, die sich gegenseitig bereichern und
relativieren und einen ganz anderen Blick auf die Welt ermöglichen.»
Kleists Vorlage wurde stark gekürzt und in einen heutigen Kontext versetzt. Die Sprache ist jene von Kleists, doch wenn die Emotionen hochgehen, fallen die SpielerInnen in ihre jeweilige Muttersprache. Dann reden die Liebenden arabisch, der alte Rupert von Rossitz serbisch. Dabei entfalten die (Laien-)DarstellerInnen eine neue Intensität, werden zu anderen Menschen. Zusammen mit den ArtistInnen von Cîrqu'enflex, in der Choreografie von Bea Nichele Wiggli, mit der Musik von Skelt! und in Kostümen von Gabriele Kortmann gestalten sie eine rasante Verbindung von Tanztheater, Sprechgesang und Akrobatik. Dabei werden die anfangs vorhandenen Positionen von «Gut» und «Böse», «Einheimischen» und «Fremden» unwichtig: Letztlich sind alle Schroffensteins Mitglieder der gleichen Familie
Alfred Ziltener
Kleist mit Kraft
BASEL - Bewegungsfroh interpretiert die freie Gruppe «Gendertainment» die Geschichte der «Familie Schroffenstein» von Heinrich von Kleist.
Es wird getrampelt, durch die Luft geflogen, das Bühnengestänge erklettert, geschrien
und geklatscht zu dumpfem Trommeln und schrillem Technosound.
Durch das Getöse dringt ganz zart die Geschichte der Schroffensteins, die auch die
Geschichte von Romeo und Julia sein könnte: Zwei verfeindete Stämme, zwei, die sich
lieben und nicht dürfen, deswegen Tod am Ende. Tragisch.
«Outlander» nennt die Gruppe ihre Produktion. Sie hatte am Mittwoch Premiere im Foyer
des Theaters Basel. Das Publikum drängte sich, die dominierende Fussbekleidung waren
Turnschuhe.
Eine unterhaltsame Aufführung, die man nach einer guten Stunde fröhlich verlässt.
Lilith Frey
Kleist goes Hip Hop
Tom Rysers «Outlander» am Theater Basel
Es könnte einem das Herz abdrücken. Nicht der Geschichte wegen - die ist schon bei Kleist ziemlich verworren, und selbst die Kollegen auf der Grossen Bühne sind an dem ritterlichen Schauerdrama der «Familie Schroffenstein» vor knapp drei Jahren mehr als kläglich gescheitert. Was an der Nachfolgetat erschüttert: Hier schmeisst sich multiethnische Jugendcrew mit zweihundertprozentiger Energie und Spiellust in ein Projekt - und wird von den Profis nur abgefüllt in reine Posen und Schablonen. Das schmerzt, weil die wilde Bande einiges kann und alles gibt. Wofür?
Den Publikums-Oscar für jeden, der von der Geschichte dieser verfeindeten Familienclans mehr versteht als: Ich, Romeo! Du Julia!! Stampf, Wouw!!! Warum muss es denn ein Stück sein, wenn man sich keinen Deut für Figuren interessiert? Und warum ausgerechnet Kleist? Weil man da so schön zeigen kann, dass schon die Spieler nicht verstehen, was sie sprechen müssen. So kann man das Thema Missverständnisse auch angehen.
Die Discokugel kreist, die Sternchen schneien ins All, im adretten Gipsy-Look (Kostüme: Gabriele Kortmann) drehen sich die Spieler wie auf dem Catwalk. Aber eigentlich herrscht ja Krieg. Was soll's? Mit etwas Sound und Drive von Kusturica-Filmen wird auch die Schlacht zum Fest. Wann werden Frauen stark? Wenn sie mackerig tun. Wie hangelt man sich an Kleist hoch? Indem man sich der Vertikalästhetik von Gerüstkletterei und Bungee Jumping verschreibt. Wir torkeln durchs Kaufhaus der aufgeklebten Effekte. Die Choreographie von Bea Nichele Wiggli hat Kraft und Dynamik, aber sie käme glänzend ohn all das Kleist-Gewürge aus. Tom Ryser (Idee und Regie) ist der clevere Arrangeur der Oberflächenreize. In satten Fünfviertelstunden lässt er einen Theaterclip abschnurren, aus dem man problemlos ein Dutzend Werbespots sampeln könnte: für Nescafé, freche Klamotten, Fitnessstudios (Slogan: «Schwitzen & stampfen mit Kleist») - für alles eben, was so unglaublich Power gibt.
Das sozialpädagogische Label «Gendertainment», das für diese Produktion steht, hat sich als sehr förderungstauglich erwiesen. Alle sind sie an Deck: von Pro Helvetia über die Kulturprozentler bis zu den Mobilnetzanbietern. Wer möchte nicht dabeisein, wenn eine Art «East Side Story» fürs Hip Hop-Zeitalter aus der Taufe gehoben wird? Dass dies nicht gelingt, mag eine Enttäuschung sein. Dass damit das multiethnische Trauma des immer noch nicht ausgestandenen Balkan-Konflikts verschaukelt wird, ist ein Ärgernis.
Alfred Schlienger
Konflikte der «Familie Mensch»
Die Basler Gruppe Gendertainment gastiert mit
«Outlander» am aua-Festival. Tom Ryser und Skelt! machten aus Kleists «Die Familie
Schroffenstein» einen multiethnischen Theatertanzakrobatikrap.
*Interview:Noëmi Gradwohl
BZ:Tom Ryser und Skelt!, die Unterzeile zu Ihrer Produktion lautet:
«Fremdgehen mit Kleist». Wie gehen Sie fremd?
Tom Ryser: Im Sinne des Wortes gehen wir fremd. Für mich schrieb Kleist
die deutschesten Texte, die es gibt. So auch «Schroffenstein». Wir benutzen zusätzlich
Fremdsprachen und setzen sie als Komplementärfarbe ein - unsere Darstellerinnen und
Darsteller stammen aus Familien, die in die Schweiz eingewandert sind. Sie sind in zweiter
Generation in der Schweiz.
Skelt!: Wir gehen mit der Form, wie wir das Stück auf die Bühne
bringen, fremd. Wir haben viel mit Akrobatik, Tanz, Musik und einem starken Rhythmus
gearbeitet. Ryser:Auch inhaltlich: Wir haben nur zirka die Hälfte des Kleist-Textes
genommen.
Auf welche Stückteile haben Sie verzichtet?
Ryser: Es gibt Passagen, wo Kleist einen Antrieb, eine Motivation
beschreibt, warum eine Figur so und nicht anders handelt. Die haben wir rausgestrichen,
weil wir glauben, dass der Mensch letztlich für Neid oder Eifersucht keine Motivationen
braucht. Meist sind es Missverständnisse oder der Wunsch, es besonders gut zu machen, die
zu Konflikten führen. Eine solche Figur, die nur Gutes will, gibt es im Stück, und sie
schleift eine Blutspur hinter sich her. Das haben wir in unserer Version noch verstärkt.
Wollen Sie also mehr die Wirkung der Taten zeigen als deren Unterbau?
Ryser: Nein, wir wollen schon zeigen, wo alles herkommt, aber auch, dass
eine solche Motivation kaum zählt. Wenn man zum Beispiel Kriege betrachtet, so ist doch
die Motivation, mit welcher ein Land über ein anderes herfällt, meist dünn.
Sind also die beiden Familien in «Schroffenstein» ein Gleichnis für das, was in der
Welt passiert?
Skelt!: Die Grundmuster haben sich nicht verändert seit es den Menschen
gibt. Zum Beispiel beim Krach zwischen einem Ehepaar, einer Familie oder Freunden. Man
kann die Muster adaptieren und sagen, anstatt zu einer Familie gehören wir alle zur
«Familie Mensch» -nur sprechen wir verschiedene Sprachen, kommen aus verschiedenen
Ländern.
Kleist selbst bezeichnete sein Stück «Die Familie Schroffenstein» als «elende
Scharteke», als Schmöker. Auch wird es kaum je an Theatern gespielt.
Ryser: Es ist ein schiefes Teil, völlig verschroben und schwierig zu
nehmen, weil es jede kleine Kurve eines Missverständnisses «en détail» verfolgt. Genau
das gefällt mir an diesem Stück.
Sie sind also anderer Meinung als Kleist?
Ryser: Ich wollte dieses Stück schon seit zehn Jahren machen. Kleist
erklärt, wie Menschen miteinander funktionieren und ganz logisch aneinander vorbeireden.
Und genau das ist das Loch in unserer Welt:Die Menschen funktionieren nie logisch.
Warum haben Sie eine unkonventionelle Spielart gewählt?
Skelt!: Der Umgang mit dem Text bietet enorme Möglichkeiten: Kleist
benutzt zu 97 Prozent eine Versform, einen starken Rhythmus. Konventioneller Rap lässt
sich daraus nicht machen, eher Sprechgesang. Auf dieser Grundlage bauten wir auf.
Ryser: Für mich gibt es nur ein Genre im Theater und das beinhaltet alle
Möglichkeiten von Sprechtheater, Tanz, Artistik Pantomime, Werbefilme, Variété und so
weiter. All das gehört zu meinen Mitteln. Ohne die kann und will ich kein Theater machen.
Schroffensteins im 21. Jahrhundert
SIMONE MÜLLER
Der erste dramatische Text, den der junge Heinrich von Kleist 1803 veröffentlichte,
ist ein Trauerspiel in fünf Akten: «Die Familie Schroffenstein», eine Variation des
Romeo- und-Julia-Themas, ein Stück über die Liebe zweier junger Menschen und die
Feindschaft zwischen ihren Familien, den Schroffensteins aus dem Hause Warwand und denen
aus dem Hause Rossitz.
Ursache für das Misstrauen, das sie einander a priori entgegenbringen, ist ein Erbvertrag
- stirbt eine Linie aus, übernimmt die andere den Besitz. Misstrauen, das Wort kommt in
der Inszenierung der Basler Produktionsgemeinschaft Gendertainment, zu der Tom Ryser
(Regie), Eva Watson (Dramaturgie) sowie der Sänger und Musiker Skelt! (musikalische
Leitung) gehören, immer wieder vor, blitzt manchmal als einziges deutsch gesprochenes
Wort unvermittelt in einem arabischen, kurdischen, italienischen, französischen,
englischen oder chinesischen Wortschwall auf. Denn die Mitglieder der multiethnischen,
16-köpfigen Schauspieltruppe sind fast alle Ausländerinnen und Ausländer der zweiten
oder dritten Generation und bringen ihre Muttersprache in die Inszenierung - die in Basel
uraufgeführt worden und nun im Rahmen von Auawirleben in Bern zu sehen ist - mit ein.
Rhythmus
Es sind etliche Dezibel Rapmusik sowie zwei Baugerüste und ein weisses Tuch mit
den beiden Worten «IN» und «OUT» als Bühnenbild, mit deren Hilfe die Kleistsche
Familientragödie ins 21. Jahrhundert katapultiert wird. Das mag vorerst irritieren, doch
der intensiven Atmosphäre, zu dem sich das präzise choreografierte Chaos auf der Bühne,
Bewegung, Tanz und Akrobatik, sich am Boden wälzende, ineinander verkeilende, stampfende
Körper verdichten, kann man sich bald kaum mehr entziehen. «Theatertanzakrobatikrap»
nennt die Crew ihre Aufführung, in der das Theater zweitrangig ist, Bewegung und Musik im
Vordergrund stehen.
Affengleich schwingen sich plötzlich Gestalten an langen Seilen in den Raum, atem- und
pausenlos turnen die Darsteller und Darstellerinnen auf den Baugerüsten herum, skandiert
das Volk von Rossitz und Warwand seine Parolen. Das Verblüffendste aber ist, das der
alles durchdringende Puls der Musik und des Tanzes dem Kleistschen Sprachrhythmus bestens
entspricht.
Die katzenartigen Viecher aber, die in vielfarbigen, tarnanzugähnlichen Fellen von Anfang
an bis zum Schluss herumschleichen, die ständig auf der Lauer und sprungbereit sind,
signalisieren die immer latent vorhandene Gefahr, die da heisst: Misstrauen.
Aktualisierung
«Outlander. Fremdgehen mit Kleist» ist ein pulsierendes Spektakel, das durch
die atmosphärischen Verfremdungen die Quintessenz von Kleists Trauerspiel geschickt
herausfiltriert. Und es ist auch ein Plädoyer dafür, multikulturelle Durchmischung als
Chance statt als Bedrohung zu begreifen. «Fremdgehen mit Kleist» bedeutet auch, die
Gültigkeit des Kleistschen Gedankenguts in einem neuen Kontext zu überprüfen - der
Seitensprung hat sich gelohnt.