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Basellandschaftliche Zeitung vom 22.10.2005 |
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bazkulturmagazin vom 20.10.2005 |
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Baslerstab vom 17.10.2005 |
KASERNE BASEL / Die «Crossroad Company» hat mit «Conflict» ein mitreissendes Hip Hop-Musiktanztheater auf die Bühne der Reithalle gebracht. Das Stück ist von Pro Helvetia prämiert worden.
von Rolf Bürgin
Für das Lexikon ist die Sache einfach:«Ein Konflikt (lateinisch: confligere - aneinander geraten, kämpfen) ist die Folge von wahrgenommenen Differenzen, die gegenseitig im Widerspruch stehen und eine Lösung erfordern.» Der Alltag ist komplizierter. Daher gründete Jay-Roc im Januar 2005 die Crossroad Company, um die Idee eines Musiktanztheaters «Conflict» zu verwirklichen. Und kaum beginnt das Stück, wird der rasante Tanz unterbrochen und ein Streit bricht aus. Wir haben es gesehen: Eigentlich wird der Streit provoziert. Denn es geht um «Styles». Da tanzen alle barfuss, und jetzt gibt einer mit seinen edelweissen Turnschuhen an. Wen wundert's, dass er die schon bald los ist? Klamotten sind Konsum und Konsum ist Konflikt.
Wenn es so einfach wäre. Jetzt
wird der kleine Schritt vom uniformen Style zur Uniform ausgetanzt. Krieg ist
auch Konflikt. Schon fordert The Man of the Hour «You're not here to think -
just do as you're told!» und die so Verführten sind bald die Versehrten.
Auch Liebeskampf ist Konflikt. Nicht nur, aber auch. Rufen ihn die Kollegen
zu einer Show «hüt z'Obe»
findet sie Trost beim Kollegen und Knatsch beim Freund. Die Rollenverteilung
ist hier etwas gar zu konventionell geraten, aber in «Conflict»
darf es ja auch schlummernde Konflikte geben...
Jay-Roc, Still Ill, La Furia, B-One, Mykey und Jemelle ziehen alle Register
ihres erstklassigen Könnens, das nach dem Schweizer Meistertitel 2004 für
die «Crossroad Crew» im Breakdance
zu weiteren Erfolgen an der Europameisterschaft (Halbfinalteilnahme) und zur
Qualifikation für die Weltmeisterschaft geführt hat. Mit dem Gesang
von Soul Cream und dem Rap von Kaotic Concrete in Zusammenarbeit mit DJ Tray
ist mit «Conflict» ein Hip
Hop-Musiktanztheater entstanden, das sich gesellschaftspolitisch auch kritisch
gegen die USA als das Ursprungsland des Hip Hop wendet. Letztlich ist dies nur
konsequent, liegen doch die Hip Hop-Wurzeln im subkulturellen Protest schwarzer
US-Amerikaner. Mit «Conflict»
widerlegt die Crossroad Company das Vorurteil, Hip Hop in Europa sei einfach
ein naiver amerikanischer Ideenimport. Und die Hip Hop-Generation konsumverliebt
unpolitisch.
Wagen wir einen Konflikt: Sind das Musical «Hair»
und «Conflict» in ihrem revolutionären
Kern grundverschieden? Wenn in Conflict gefordert wird «Who
cares it's post mortum. Live free to die free» Könnte ein Alt-Hippie
mit wässrigen Augen Janis Joplin zitieren: «Live
fast, die young.» Und «I'm
the CIA (...) address your family when you go to war for me and you don't come
home» ist - richtig - ein Zitat aus «Conflict»...
Die Hip Hop-Kultur ist zeitgenössisch, authentisch, im Asphalt verwurzelt,
noch längst nicht neutralisiert wie Hippiekultur oder Punk, die einst als
Nischenkulturen auch ihre Sprengkraft hatten, bis sie dann zum Mainstream wurden.
Hip Hop mit dem Breakdance, dem Rap und den Graffitis (die verschwinden aber
manchmal über Nacht...) verbindet - vergleichbar mit den 60er-Jahren -
Tanz, Musik, bildende Kunst. Wer glaubt, «Conflict» als «Jugendstück»
sehen zu müssen, darf dies tun. Auch die jugendlichen Zuschauer genossen
die Aufführung sehr. «Conflict»
bietet aber noch mehr zum Entdecken. So ist absolut verblüffend, wie wandelbar
Breakdance Aggression und Einklang auszudrücken vermag. Nur allzu oft wirkt
getanzter Kampf überstilisiert und geradezu lächerlich. Das Bewegungsvokabular
des Breakdance bereichert den Tanz.
Das liegt auch an Skelt! und Tom Ryser als Mentor Directors sowie an der Dramaturgin
Anne Schöfer. Sie haben es verstanden, die choreographische Arbeit von
Stoney Style, Sharon Dadier (Opening Sequence), und dem Cast zu verdichten und
ein Stück ohne pädagogische Zeigefinger und viel Spiel- und Wahnwitz
auf die Bühne zu bringen.
Zu den versöhnlichen Szenen gehören die kreativen Konflikte: Die wunderschön
getanzten Breakdance Battles führen dazu, dass man Kontrahenten die Hand
reicht, ohne die Rivalität aufzugeben, denn man weiss ja, dass die eigenen
Power Moves und Breaks entschieden besser sind... «Wenn
die Zukunft die Vergangenheit wäre, käme die Gegenwart zu kurz / Conflict,
Kaotic, Crossroad sind da durch.» Und Hip Hop ist Gegenwart.
| Baz Kulturmagazin vom 20.10.2005 |
Interview: Diana Frei
«Conflict» erzählt
von Kriegen, Beziehungsknatsch und Bandenkämpfen. Konfliktforschung als
Hip Hop-Show.
Rap von Kaotic Concrete und DJ Tray, B-Boying von Still Ill, Street Dance mit
Jay-Roc, La Furia, Mykey, B-One und Jemelle. Und Soul und R'n'B von Soul Cream.
- Mit der Kunstsprache des Hip Hop findet die Crossroad Crew zu einer Mischung
aus choreografierten Episoden und Freestyle-Elementen. Der ganze Cast entwickelte
Ideen, Tom Ryser und Skelt! brachten sie als «Mentor
Directors» in eine Form.
«Conflict» wurde im Rhamen
des «swixx-Projektwettbewerbs»
der Kulturstiftung Pro Helvetia ausgezeichnet. Die baz traf Skelt! und Projektleiter
Jay-Roc.
baz: die Produktion heisst «Conflict».
Wieso dieses Thema?
JAY-ROC: Die ursprüngliche Idee war, die «West Side Story» als Hip
Hop zu remixen. Da sind die Amerikaner, und auf der anderen Seite die Einwanderer
aus Puerto Rico - eine klare Trennung. Wir haben in unserer Crew aber 15 Nationen.
Wie willst Du nun erzählen, die einen sind die Schwarzen, die anderen die
Weissen? Es wäre nicht authentisch geworden.
SKELT!: Konflikte haben uns als Thema aber fasziniert, weil sie derart
facettenreich sind. Mann kann sie verharmlosen, oder es kann zu richtigen Clashs
kommen. Es gibt sie im Büro genauso wie als grosse Kriege. Uns interessiert
das Phänomen «Konflikt» als Forschungsgebiet.
Und als speziell dringliche Sache?
SKELT!: Konflikte sind die Ursuppe des Dramas. Kein Film, keine Geschichte,
keine Oper ohne Konflikt. Jedes Theaterstück braucht ihn als dramaturgisches
Element. Natürlich ist es auch ein Thema, das die Welt immer wieder neu
bewegt. Zurzeit ist immer noch 9/11 in aller Munde, vorher war es der Golfkrieg.
Aber Leute, die Konflikte am besten kennen, sehen das Stück wohl nicht.
JAY-ROC: Doch. Es haben sich schon viele Schulklassen angemeldet. Da
werden einige Leute darunter sein, die sehr direkt vom Thema betroffen sind.
Sei es, dass sie in Ihrem Herkunftsland Repression erlebt haben, dass sie sie
in der Schweiz erleben oder auch selber anwenden. Wir werden sehr nahe ans Leben
dieser Leute herankommen.
Das Stück fragt nach den Ursachen von Konflikten und wie damit umgegangen
wird. Klingt pädagogisch.
SKELT!: Wir wollen den erhobenen Zeigefinger auf jeden Fall vermeiden.
Die Gefahr, ins Pädagogische zu kippen, ist in der Tat gross. Aber wir
umgehen sie mit Spielfreude. Wir werden nie naturalistisch, sondern finden Bilder
für den Krieg über den Tanz. Wir gehen das Thema lustvoll an.
Tanz ist etwas körperliches. Gewalt kann auch sehr schnell körperlich
werden: Zufall oder beabsichtigte Verknüpfung?
SKELT!: Hip Hop und Breakdance haben an sich viel mit Battles und Competition,
also Kampf und Wettbewerb zu tun. Es geht ja permanent darum, mit seinen Fähigkeiten
weiterzukommen. Hier kommen die Ebenen thematisch oft zusammen, und wir haben
das bewusst benutzt. Mit anderen Tanzformen müsste man das gleiche Thema
anders angehen.
| Baslerstab vom 17.10.2005 |
Philipp Schrämmli
Hip Hopper gehen ins Theater. Eine skurrile Vorstellung? Nicht für Crossroad.
Die Basler Hip Hop-Crew hat sogar eins geschrieben: «Conflict»,
ein Musiktanztheater. Diesen Donnerstag ist Premiere in der Kaserne.
«Ich sah das Musical West Side Story und fand es langweilig. Ich dachte, das
könnte man spannender und moderner machen.» So kam Boris «Jay-Roc» Jacot
vor rund anderthalb Jahren die Idee, eine Art Remix des Musicals zu entwickeln.
Es entstand «Conflict». Ihr Musiktanztheater sei aber keine Kopie des Klassikers,
sondern offener und vielseitiger, versichert Jay-Roc.
Dynamische Moves
In «Conflict» geht es darum, wie Konflikte entstehen und wie man mit ihnen umgeht.
Also die Frage: «Reagiere ich mit Gewalt, Rückzug oder List?» Mit dynamischen
Moves zeigen die Breakdance-Schweizer-Meister 2004 im Zusammenspiel mit Rap
und Gesang wie Aggression und Respekt zueinander stehen.
Crossroad verkörpert die Wiedervereinigung der Elemente der Hip Hop-Kultur.
Die Crew besteht aus Breakdancern, dem Rapper Apache, dem Sänger Soul Cream
und dem DJ Jakebeatz. Eigens für das Musiktanztheater hat sich die Crew
zur «Company» vergrössert. Die Company umfasst alle, die am Theater mitarbeiten.
Die Konflikte, die Crossroad thematisieren, sind aus dem Leben gegriffen. Auch
auf politische Probleme wird angespielt. Das Programm ist insgesamt eher tanzlastig,
aber durchaus abwechslungsreich. Das Publikum darf auch auf zahlreiche Überraschungen
gespannt sein. Besonders auf eine «jazzige» ganz am Anfang.
Die Arbeit mit den energiegeladenen Jungs sei spannend, aber auch nervenaufreibend,
sagt Regisseur Tom Ryser. Er unterstützt das Projekt zusammen mit Hip Hop-Urgestein
Skelt! als «Mentor Director». Zusammen hatten die beiden 1997 das erste deutsche
Hip Hop-Theater «Gleis X» initiiert.
Diplomat und Diktator
«Ich muss gleichzeitig Diplomat und Diktator sein», sagt Ryser. Auch wenige
Tage vor der Premiere laufen die Proben noch ziemlich chaotisch ab. Allzu viel
reinreden will Ryser aber nicht: «Es ist ihr Stück und das soll es auch
bleiben.» Noch bevor «Conflict» überhaupt aufgeführt wurde, hat das
Theater bereits einen Preis gewonnen. Die Jury des «swixx-Wettbewerbs»
der Kulturstiftung «Pro Helvetia» prämierte «Conflict» als eines der 16
besten Projekte zu Kunst, Identität und Migration. Crossroad erhoffen sich
Gastauftritte in anderen Städten, vielleicht sogar im Ausland. Die Umsetzung
von «Conflict» ist für die Crew jedenfalls ein grosser Schritt Richtung
Tanztheater und Musical.