2014 - «20 Regeln für Sylvie» @ BaZ Online

Donnerstag, 18 September 2014
Stephan Reuter
3.7/5 Bewertung (3 Stimmen)

CARLOS LEALS ABENTEUER-TRIP DURCH BASEL

Die Basler Feelgood-Komödie «20 Regeln für Sylvie» ist ein Independent-­Streich erster Güte. Mit viel Herzblut, kaum Geld – sowie Sex & Drugs & Rock ’n’ Roll.

Die kleine Sylvie hat einen treusorgenden Papa. Adalbert, ein Mann mit Rauschebart und Prinzipien. Das ist schön. Sie wohnen in den Alpes Vaudoises, ins Dorf hinab fährt die Seilbahn. Das ist auch schön. Die Mama ist vor Jahren gestorben. Das ist traurig. Zum Trost füttert Papa seine Sylvie vor dem Zubettgehen mit Pom-Bärli, und wenn das nur ginge, würde er sie am liebsten in der rosaroten Kuscheltierphase einbalsamieren. Das wiederum ist zum Lachen. Die kleine Sylvie zählt nämlich stolze 20 Jahre. Demnächst fängt für sie das Leben an, mit dem ersten Semester an der Uni Basel.

Mutmasslich beginnt an jenem Tag auch der väterliche Kontrollverlust. Es gibt nichts, vor dem es Adalbert mehr graut. In seiner Not listet er «20 Regeln für Sylvie» auf: keine Drogen. Kein Sex. Weder Partys noch Konzerte. Nicht mit Jungs knutschen. Nicht mal Lippenstift. «Das ist die Einstiegsdroge», glaubt Adalbert. Allen Ernstes. Und echt lustig.

Basler Independent-Streich

Ein Drehbuch mit dieser Ausgangslage schreit nach einem komödian­tischen Befreiungsschlag. Dass der kommt, und wie der kommt, und dass dabei ein derart durchdachtes Basler Feelgood-Movie zustande gekommen ist, dafür zeichnet sich ein grosses Team um Regisseur und Produzent Giacun Caduff (aka Jacques à Bâle) verantwortlich. Für die Produktion stand viel Herzblut und kaum Geld zur Verfügung. Manchmal ist das eine gute Mischung. Vor allem, wenn das Drehbuch trägt. «20 Regeln für Sylvie» kommt absolut kinotauglich über die Leinwand. Dazu besticht der Soundtrack (den Titelsong etwa hat Das Pferd eingespielt).

Caduffs Film ist ein Independent-­Streich erster Güte. Das liegt auch an der geglückten Symbiose von Laien und Profis im Cast. Und an den Hauptdarstellern. Der frühere Sens-Unik-Rapper und mittlerweile erfahrene Schauspieler Carlos Leal verkörpert einen perfekten Adalbert: sanft, zu hundert Prozent weltfremd, und so charmant verspielt, dass man ihm seine im Grunde völlig unmögliche Rolle einfach abnehmen muss. Viola von Scarpatetti tut das Ihre: naiv, sanft, rehäugig – und unendlich duldsam mit ihrem Papa. Ohne Murren unterzeichnet sie das Regelwerk. Too nice to be a rebel girl?

Hilfe an der Feldbergstrasse

Dass Sylvie auch anders kann, wird Kommilitone Marcel (Manuel Miglioretto) schmerzhaft erfahren. Er baggert auch wirklich zu dämlich; Marcels Masche bei Mädchen ist vermutlich die erfolgloseste, seit es Testosteron gibt. Zu dem Zeitpunkt haben Sylvie und die Kamera schon den grossen Schwenk aus der Landidylle von Les Diablerets in die Grossstadt gemacht. Jawohl, Grossstadt. Kleiner kann man Basel in Gian Caduffs Bildern kaum verstehen. Sex & Drugs & Rock ’n’ Roll, alles im Überfluss vorhanden. Sylvie taucht ein ins Studentenmilieu, vorsichtig wissbegierig, in zweideutiger Hinsicht.

Wer sich bei diesem Story-Schwenk nicht abschütteln lässt? Adalbert selbst­redend. In Sabans Feldberg-Lädeli, wo der Basler Rapper Skelt! das Sagen hat, stösst Adalbert auf Verständnis. Sie verstehen sich, der Muslim und der Welsche. Vorbildväter, die totale Kontrolle über ihre Töchter brauchen, müssen ja zusammenhalten.

Heilsamer Kontrollverlust

Dass Adalberts Weltbild in Basel schnell und heilsam aus den Fugen gerät, versteht sich von selbst. Marcels WG-Kumpels (Joël von Mutzenbecher, Steve Devonas), eine Wasserpfeife und eine Tüte Pilzli sind daran nicht ganz unschuldig. Erschwerend wirft Bettina Dieterle die Reize der Sexshop-Queen Tig O’Bitty ins Gefecht. Madame hat an dem kuriosen Abstinenzler aus dem Waadtland einen Narren gefressen. Und sie hat ein Ziel: Adalbert soll sämtliche 20 Regeln für Sylvie brechen lernen. Das wird noch turbulent enden. Ohne langen Bart, dafür mit Coming-out.

★★★★☆ / Pathé Küchlin Basel

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